Verstorbene gehen online – QR-Codes auf Grabsteinen

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Verstorbene gehen online – QR-Codes auf Grabsteinen

Ein grauer Herbsttag auf einem Friedhof irgendwo in Bayern. Heute ist Allerheiligen – es regnet. Ich bin heute hier um meine vor ca. 3 Jahren verstorbene Tante zu besuchen. Ihr Grab liegt ziemlich weit hinten – ich muss also einmal quer über den ganzen Friedhof. Ich schlendere vorbei an den diversen Grabstätten der Verstorbenen. Ich kenne sie nicht – deshalb laufe ich weiter. Die ein oder andere Kerze bringt etwas Licht ins Dunkle. Blumen schmücken die Ruhestätten der Toten. Auf den Grabsteinen, zum Teil prachtvoll aus Marmor, sind die Namen der Verstorbenen und die Zeit in der sie gelebt haben, eingraviert. So wie man Grabmale kennt – nichts Auffälliges oder Außergewöhnliches. Ich gehe weiter und bleibe an einem Grab ganz im hinteren Eck des Friedhofs stehen – kurz vor dem meiner Tante. Eine Sache sticht mir ins Auge und erweckt meine Aufmerksamkeit. Das Grab unterscheidet sich in einer Sache von den anderen.

Ganz in der Mitte oben, auf einem Täfelchen ist ein schwarz-weißes Täfelchen angebracht – ein QR-Code (Quick – Response – Code). In der heutigen Zeit nichts Besonderes – aber auf einem Grabstein?

QR-Codes finden heutzutage vielerlei Anwendung z.B. beim Einkaufen, am Schalter der Deutschen Bahn zur Fahrplanauskunft oder an Denkmälern. Sinn und zweck von solchen Codes ist das schnelle Bereitstellen von Informationen, indem man durch Scannen dieses Codes mittels Smartphone und Kamera detaillierte Informationen über das jeweilige Objekt erhält. Es ist im Grunde eine visuelle 2-D Abbildung einer digitalen Information, die im Internet abgelegt wurde.

Da ich natürlich mein Smartphone jederzeit griffbereit in meiner Tasche habe, bin ich neugierig, schalte meine Kamera ein und scanne den QR-Code auf dem Grabstein. Natürlich braucht man dazu eine Internetverbindung – logisch. Auf meinem Display erscheint ein Bild, darunter steht geschrieben: Alfred Langhans, 1.10.1936 – 27.08.2016 (Name und Datum wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert). Der gleiche Name und das Datum wie auf dem Grabmal. Offenbar bin ich auf der Gedenkseite von Alfred gelandet, die irgendwer vor längerer Zeit für ihn erstellt hat.

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Tafel mit QR-Code (weiß-schwarz) neben dem Grabstein

Ich scrolle weiter nach unten und erhalte weitere Informationen über Alfred. Alfred war Politiker, und arbeitete mehrere Jahre an der Seite von Helmut Schmidt. Er galt als einer seiner engsten Berater – ich bin beeindruckt und drücke auf “mehr erfahren”. Es erscheint ein Bild von Alfred zusammen mit Helmut Schmidt vor dem Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz. Ich scrolle weiter und erhalte viele weitere Informationen.

Doch da das Wetter nicht besser wird und ich eigentlich wegen meiner verstorbenen Tante hier bin, breche ich an dieser Stelle ab und schalte mein Handy wieder aus. Ich gehe ein Stück weiter, genauer gesagt zwei Gräber. Dort liegt sie schon seit mehr als 3 Jahren. Ich zünde eine Kerze an und bete ein ” Vater unser”. Ich befreie die Ruhestätte von Laub und denke dabei an alte Zeiten. Ich verspüre eine innere Leere – es fällt mir schwer meine Tränen zu unterdrücken. Ich wünsche meiner Tante einen schönen Sonntag und verabschiede mich wieder. Auf dem Rückweg gehe ich noch einmal bei Alfred vorbei. Ich werfe ihm einen letzten Blick zu und wünsche auch ihm einen schönen Sonntag.

Ich verlasse den Friedhof und steige in mein Auto. Ich stecke den Schlüssel in die Zündung und denk ich ein letztes Mal an meine geliebte Tante. Irgendwie bin ich etwas stolz, dass sie unmittelbar neben Alfred ihren Platz für die Ewigkeit gefunden hat. Ich hoffe er passt gut auf sie auf.

Ich starte den Motor und fahre nach Hause.

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Ein Kommentar zu “Verstorbene gehen online – QR-Codes auf Grabsteinen

  1. Finde es eine schöne Möglichkeit den Verstorbenen eine zusätzliche digitale Ruhestätte zu geben. Der Mensch bleibt so in Erinnerung und Menschen können sich zusätzlich am grab darüber informieren.
    Sehr interessant und informativ geschrieben! TOLL

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